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[60 km inlinern] bericht einer durststrecke</title>
<start>heute
kam ich nach der arbeit auf die glorreiche idee, ascheberg sei ein tolles
ausflugsziel für den bisher heißesten tag des jahres 2004.
<p>
gesagt, getan. abfahrt 16.59 uhr @ home. ankunft in ascheberg (24 km)
17.53 uhr. zwei kefir eingefahren, ca. 20 minuten auf dem kirchenbänkchen
pause gemacht und einen netten schwatz mit dem pastor gehabt.
<p>
weiterfahrt. prompt vertan und ca. 12 km in die falsche richtung - richtung
ahlen - gefahren. angebohrene orientierungsschwäche. eigentlich
nicht präzise richtung ahlen, eher so im kreis durch die wälder
zwischen ahlen, dortmund und rinkerode. oder so. jedenfalls fast eine
stunde lang. kühe und tauben geben sich auf dem land übrigens
eher verschlossen gegenüber fremden.
<p>
umgedreht und die 12 km wieder rausgeholt, bis ein schild sagt: gehe
über hiltrup, fahre weitere 11 km. gehe nicht über r1. r1
und 22 sind alle neu beschottert, deshalb unmöglich mit modernen
rollschuhen, sprich neumodisch blades, befahrbar.
<p>
fahre also lustig bundestrasse 58 auf 30 cm neu geschottertem randstreifen.
winke verärgerten audi-fahrern freudig hinterher. komme ins trudeln
und werde fast von einem roten honda civic umgerast. also ehrlich! ein
civic. ein roter porsche oder ferarri ... okay ... <br>
fühle mich mit jungen 32 auf dem gipfel meiner leistungsfähigkeit
schrägstrich potenz, u.a. weil ich diese kleine missfahrt mental
so locker wegstecke und mir selbst auf die schulter klopfe: /na,
junge, macht doch nix. fährste halt 'n bisschen länger. watt
soll's. du bist fit und et läuft!/
<p>
auf der hälfte nach hiltrup ist der geist ziemlich willig, allein
die mechanik versagt. wie in der formel eins: urdeutscher endsiegeswille,
aber scheiss material. daran sind wir immer gescheitert. fange an mit
stocher-fahren.
<p>
Überhole einen modisch vollgetunten skateheini mit brachialer rennpower;
rufe mit aller verachtung nach dreihundert meter vorsprung /anfänger/
hinter mich und kriege mentalen aufwind.<br>
bis zu ersten anstieg am berg. da kriege ich dann die absolute physische
talfahrt. sehe lustige sternchen, viele farben und schlingere mit einem
schmerzenden arsch diesen urbanen mount everest nach 1/2-stündigem
anstieg wieder herunter - am ende fast die böschung zur a2 runter.
knapp, aber noch mal glatt gegangen. werde von irgendeinem rasenden,
völlig geistesgestörten 5-rollen-inlinerhirni mit helm und
rennpelle überholt.
<p>
zweite hiltrupbrücke in sicht. überlege ob ich weinen soll.
entscheide, dass ich manns genug bin ab hiltrup mit dem bus nach hause
zu fahren ... und trotzdem zuhause zu erzählen ich sein /mindestens
60 km ganz locker geinlinert gestern/. stelle fest, dass ich
unterwegs meine 5 euro verloren habe. weine ob des herben verlustes.
<p>
stelle mit freude fest, dass ich doch noch 1,86 euro habe. das reicht
zwar nicht für den bus nach hause, aber für ein gatorate bei
der tanke in hiltrup. dieses gatorate leuchtet mir wie der stern von
jerusalem, nur über hiltrup.
<p>
weine, weil ich aber noch nicht da bin, sondern erst in 15 km + eine
brücke am horizont, worüber [wahrscheinlich
meiner heimatstadt, die ich nie wiedersehen werde] die sonne
abendrot im smok der großstadt verglimmt. ob die drei weisen damals
auch geweint haben, weil's noch so weit war? ps: die kamele sind durchgegangen.
verdammte viecher!
<p>
nutze jeden ameisenhügel als abfahrt. weine darüber, dass
ameisenhügel auch anstiege haben, bis ich merke, dass man sie mit
einem schläncker leicht umfahren kann. überfahre aus purer
mordlust mind. 30 ameisen und eine nackschnecke. spüre wie die
aufkeimende abendkälte mir die waden hochkriecht.
<p>
zwischenstopp, um das gekröse der nackschnecke aus den lagern zu
pulen. die hitze an den rollen hat ihre sterblich, glitschige hülle
mit denen der ameisen zu naturzement verbacken, der mich massiv an meinem
lauftraining hindert.
<p>
stehe am fuße der 2. hiltrup-brücke ... weine. <br>
eine ältere radfahrerin hält an und bietet mir ein taschentuch
an. ich erinnere sie an ihren kürzlich verstorbenen mann, der damals
- von den russen zu fuß aus kaliningrad heimgeschickt - an eben
dieser stelle stand und weinend auf seine zerbombte heimatstadt blicke.<br>
ich entgegne, ich empfände den vergleich als ziemlich unpassend:
ihr mann sei damals wenigstens schon zuhause gewesen, ich hingegen habe
noch schier unendlich scheinende 10 km bis in die blücherstrasse
vor mir. die alte dame ist gerührt und bietet mir an mich die brücke
hochzuziehen. ich nehme dankestrunken an. <br>
auf halbem weg klappt die oma vom rad (erhöhter ozon- oder klosterfrau
melissengeist-pegel?). ich lasse sie liegen, beuge mich über ihren
regungslosen körper, bedanke mich höflich und fahre weiter.
na danke, das hätte ich auch selbst gekommt, omma!
<p>
vom gipfel der brücke blicke ich noch einmal verächtlich auf
die hinterbliebene zurück, der gerade von zwei terroristisch aussehenden,
schnauzbärtigen - vermutlich illegal mit der tali-bahn eingereisten
- fremden, die sich um ihr fahrrad und die einkäufe zusammengerottet
haben, wieder auf die beine geholfen wird.<br>
ich wende mich ab und blicke auf hiltrup ... was auf einmal verdammt
weit weg erscheint. ich möchte weinen, habe aber kein körperwasser
mehr. <br>
dafür steht mir das leichenwasser aber schon bis zu den inlinerschäften
und kriecht langsam die socken hoch. es war nicht die abendkälte,
sondern der schleichende freund hein, der mit eisiger knochenhand aus
dem asphalt jäh mir an die ferse griff. (geht ab)
<p>
ich lasse mich - partiell bewußtlos - die brücke runterschlittern.
keine ahnung, ob auf rollen oder auf dem arsch. beides ist taub. dem
gefühl nach müsste der hintern morgen mindestens aus original
brad-pitt-in-troja-granit sein und die waden die eines zwanzig jahre
gedienthabenden bundesligaprofis.
<p>
bleibe unten einfach eine weile liegen und lache im delirium über
die verzerrten, besorgten gesichter die sich diffus im lichtschein am
ende des tunnels zeigen. obschon die sonne untergegangen ist scheint
doch am anderen ende ein viel helles licht. unfassbar schön. ich
möchte darauf zugehen, es durchdringen. ... leider tun mir dazu
die beine zu weh und ich bleibe einfach liegen.
<p>
nach einem kleinen timewarp von ca. 5 minuten haben mich passanten wieder
auf die rollen gestellt. ich danke ihnen freundlich und verabschiede
mich mit dem hinweis auf ein kleines formtief, dass einen schon mal
auf dem weg von der holländischen grenze zurück nach münster
ereilen kann. nichts ernstes also. kommt vor.
<p>
ich erreiche die sprit-oase.<br>
Überlege, ob auch draußen serviert wird. wahrscheinlich aber
nur kännchen. gatorate ist aus. das nächst billigere getränk
ist evian-wasser (1,95 euro). beschimpfe wüst den bafög--preller
hinter'm tresen und drohe an, spontan im laden von versammelter kundschaft
unter wiederholtem erbrechen zu kollabieren, um später beim gesundheitsamt
eidesstattlich zu versichern, dies sei aufgrund der salmonellenverseuchten
auto-pack-lakritz passiert. ich darf ein red-bull für 1,85 euro,
anstatt für 1,99 euro erstehen. glück gehabt, freundchen.
<p>
trinke vor der tanke das teenie-tuning auf ex. mit glück und unter
letzter körperlicher selbstkasteiung gelingt es mir die bärchen-brause
drinnen zu behalten. das inhaltslabel besagt, es enthalte koffein und
tannin (bullenhodenhormone!). also wenn das nicht bis zuhause reicht.
mir ist flatt'rig.
<p>
10 minuten später. habe die tanke ca. 500 m hinter mir gelassen
und taumle in der letzten aufsteigenden asphalthitze über den trottoire.
der rote bulle hat sich längst verpisst. lediglich ein kater aus
rhythmischem hariboartigem aufstoßen und ein touch von rinderwahnsinn
ist übrig geblieben.
<p>
ich setze mir mit letzter kraft operationale ziele, wie im projektmanagement
neulich noch gelernt. /möbelladen da vorne
[luftliniie ca. 200 m]
bis spätestens 22 uhr lebend erreichen./<br>
22.20 uhr: verwerfe wütend alle gefassten ziele - wie im projektmanagement
[neulich noch] gelernt und mache - ebenfalls
wie gelernt - hastig vorbeieilende passanten für das misslingen
verantwortlich.
<p>
fühle mich sehr alleine auf dieser welt. niemand mag mich. nicht
mal ich mich selber. wie ich alleine aussehe: ein einstmals weißes,
nun eher hornhautumbra-farbenes t-shirt, voll mit fliegenresten, verkrustetem
nasenblut (kleiner abfahrts-faux-pas) und garniert mit salzrändern
und tränen, die hände klebrig wie die eines zweitklässlers
von der gummibärchenbrause, die nägel tiefschwarz. dafür
aber das gesicht weiß wie ein totentuch.
<p>
22.25 uhr. das leben ist schön! ich habe einen neuen freund. sein
name ist achmed. okay. er heißt vielleicht doch nicht wirklich
achmed oder ach-mett [wie der verwunderte ausruf
einer jungen fleischereifachverkäuferinauszubildenen auf die frage
nach tartar], aber ich habe seinen namen nicht verstanden. irgendwie
sah er einfach aus wie /achmed/ und war bisher
der freundlichste türke - glaub ich -, der mir je vom müllwagen
aus zugewunken hat.
<p>
achmed und sein nicht näher bezifferter fahrerfreund haben mich
auf der hammer straße stadteinwärts aufgelesen als sie mich
auf dem weg nach hause sahen, wie ich einem städtischen mülleimer
[fachbegriff: reststoffentssorgungsposten]
meinen weltschmerz klagte.<br>
und da haben sie sich spontan entschlossen mich bis vor die haustür
zu fahren. /weisst du, cheffe, wire lassen nix
dreck wo liegen./, pfiff er mir durch die zähne zu
als wir rücklings am müllwagen hängend durch die prächtig
von flackernden laternen erhellten gesäumten alleen münsters
brausten. ich konnte nichts sagen, aber ich denke, er hat die tiefe
dankbarkeit auf den tränen glitzern sehen, die mir in den augen
standen. [pulitzer?]
<p>
zuhause angekommen, wolle ich ihm gerne etwas schenken, was als symbol
für unsere freundschaft steht, aber die müllabfuhr war erst
heute morgen da gewesen. und so musste ein saftiger, freundschaftlicher
händedruck zum abschied alles sagen, was wie uns einander mit worten
ohnehin nicht hätten verständlich machen können.
<p>
[gewidmet: meinem freund achmed und den nachtschnecken.]
</end>
<author>
©h.p.| 09/06/2004</author>
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