<title>
taiwan</title>
<pretitle>
liebes reisetagebuch!</pretitle>
<start>hier ein
kleiner er- und wiederfahrungsreport über mein leben und streben
in taiwan:
<p>
nachdem ich am sonntag noch festgestellt hatte, dass mein reisepass
ja gar nicht mehr gültig ist, sind meine lebensabschnittspartnerin
und ich doch tatsächlich noch auf den allerletzten drücker
vorm abflug am hergottsfrühen montagmorgen, zum einwohnermeldeamt
gefahren, um einen vorläufigen zu holen. oh wunder, oh wunder:
ich hatte innerhalb einer stunde einen neuen. erstaunlich, obwohl doch
deutsche beamte und montag.
<p>
nach 14 stunden flug via zürich und hong kong war ich dann in taipeh.
mein kollege vor ort hat mich dann auch noch abgeholt und mich - dort
ja 7.50 uhr morgens - gleich zum kunden verschleppt, wo wir noch bis
ca. 1 uhr nachts versuche gefahren haben. es ist schön warm hier
(27 grad), und es scheint den ganzen tag die sonne. allerdings nicht
in die raugeschwängerte produktionshalle ....
<p>
am nächsten tag um 6.00 uhr auf und ab zu weiteren versuchen bis
um 23.00 uhr. zwischendurch, quasi als kultursnack, gab es noch einen
dao-tempel-besuch, wo ich gezwungenermaßen an einer kleinen messe
teilnehmen musste. herzensgute leute luden mich dann noch gutwillig
zum essen ein. erfreulicherweise musste ich mich nicht gleich bei tisch
übergeben, sondern erst später im hotel. beherrschung lässt
sich also trainieren.
<p>
hier werden sachen gegessen, die aussehen wie die eingeweide eines walfisches
oder wie froschlaich. und auch so riechen und schmecken. wahrscheinlich
sogar so was sind. jedenfalls wusste man nur wenige antworten auf meine
frage, um was es sich denn nun handelte, was wir gerade essen. gewöhnungsbedürftige
nachspeisen, wie z.b. gebratene nudeln mit apfelmus, sambal olek und
süßen erben in eiswasser stehen hier auf jeder speisekarte
und ich habe verhältnismäßig viele dreibeinige hunde
und katzen gesehen. <p>
jedes zweite geschäft hier verdingt sich mit der verbreitung dieser
kulinarischen verdrießlichkeiten. nur leider sehen diese restaurants
aus wie papas schnapspansche in der garage, zwischen motoröl und
altreifen. von kleinen untertassen schlürft man hier lauthals dünne
fischkugelsuppen, schmatzt vollmundig und überaus schauspielerisch
an seltsamen gemüsen. nebenbei platziert man die beim heißbrühen
abgeworfenen brüstungen von eben noch fleuchenden schalentieren
aller art dekorativ auf der tischdecke oder auch schon gerne mal einfach
unterm tisch, hustet nebenbei dem nachbarn dekorativ über den nachtisch,
was aber neben der grünen, süßen erbsen im eiswasser,
kaum ins gewicht fällt.
<p>
die segnungen moderner taiwanischer fleischzubereitungen bleiben mir
glücklicherweise erspart, da ich mich hier erfolgreich als vegetarier
präsentieren kann. auf genüsse wie gebackene käfer oder
sonstiges mehrarmig oder -beiniges zeug darf ich hier also getrost verzichten.
als faustregel hier gilt: alles, was mehr als zwei arme und beine hat
ist potentiell vollständig essbar, wird aber für ausländer
vorzugsweise im kaschierenden teigmäntelchen serviert, während
der taiwaner [ja, nicht taiwanese!] an sich
doch eher dem unverhüllten geschnetzelter schweineöhrchen
den vorzug gibt.
<p>
wer lange finger hat, darf hier gerne auf die holzstäbchen verzichten.
man stützt sich eh mit den vorderzähnen auf die schüsselchen,
um mit den finger darunter her die asiatischen köstlichkeiten in
den mund zu befördern. gestört wird man nur im fünfminuten-takt
durch den rundenschmeißenden gastgeber, der einen per anstoß
dazu verpflichtet, jeweils wahlweise ein viertelliter bier oder ein
pinnchen saké auf ex zu vernichten. das kommt mitunter sehr gelegen,
um den geschmack der froschdärme zu übertönen, die man
sich gerade durch den widerborsten hals zu zwängen versucht. vorsicht:
eine kleine fischgräte, die quer in den hals gerät, während
man gerade versucht ein teelöffelgroßes stück ingwer
zu schlucken, kann für den europäische geschmacksputritaner
in einem kleinen desaster enden, für den taiwaner evtl. aber ein
plötzlich hereinbrechenden nachtisch darstellen.
<p>
das periodisch wiederkehrende stuhlbrummen aller wird geflissentlich
überhört und -rochen. jedoch darf u. u. ein kleiner applaus
für ein bäucherchen nach art /san francisco
1912/ nicht fehlen. damen-, wie herrenseitig übrigens.
<p>
da man den sehr gastfreundlichen gastgeber nicht dadurch beleidigen
darf, dass man angebotenes verschmäht, gibt es außer der
/schlucken-und-durch/-taktik [ich
kann sie jetzt soviel besser verstehen, frau lewinski!] nur noch
die möglichkeit, bereits eine auf lange hand vorbereitete magenschwäche
zu simulieren, die man am besten schon vortags gestenreich einleutet.
<p>
taiwaner sind sehr geschwätzige leute, so dass es gelegentlich
schon mal ein weilchen dauern kann, ehe man auf /italienische
weise/ einräumen kann, dass man nicht ein wort verstanden
hat, weil man selber nur englisch als fremdsprache versteht. meist bleibt
man dann bei der hand-und-fuss-mimik oder beschränkt sich auf ein
eingemeißeltes, breites blendax-grinsen, denn der gemeine inseltaiwaner
beherrscht außer seinem stadtteildialekt nur selten andere sprachen.
<p>
taiwan kann ich also aufgrund des überstehenden berichtes nur bedingt
für europäer als urlaubsziel empfehlen. und, verdammt, wo
kann ich hier meinen laptop anschließen?
<p>
morgen muss ich schon um 9.30 uhr wieder raus. zum flughafen für
meinen flug via tokio nach detroit/usa. damit endet mein dreitägiger
besuch hier im reich gleich neben der mitte.
<p>
mein kollege, der mir schon unzählige male aufgrund seiner grippe
auf den laptop genossen hat, fährt mich nun zum hotel in taipeh.
dabei hat er die heizung auf gefriertruhenniveau reguliert und schwelgt
schon über ein üppiges, typische taiwanesisches abendessen
mit mir im kreise seiner besten kundschaft. allerdings fiebert er dem
ganzen schon merklich mehr entgegen als ich, der ich gerade, glaube
ich, wieder meine aufkeimende gastritis spüre ....
<p>
gruss an die zurückgebliebenen daheim!<end>
<ps>23.10
uhr nachtrag: verdammt, ein herber rückschlag: es war ein amerikanisches
steakhouse und plötzlich erinnerte sich jeder daran, dass ich ja
vegetarier sei ... </ps>
<author>
©h.p.| 22/06/2000</author>
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