<title>
skulpturterrorismus</title>

<start>ein guter freund von mir fasste das thema /moderne kunst/ einmal in folgendem recht anschaulichen beispiel zusammen: /wenn du jahrelang immer wieder in eine ecke eines ansonsten leeren, gleissend weiss getünchten raumes scheisst, dann ist das irgendwann kunst. das besondere daran ist nicht das können, sondern die konstante, obwohl es zum himmel stinkt./ ich danke dir, ralf, für diese wahrhaft philosophische erkenntnis. seitdem definiere ich für mich so kurz wie prägnat den mordernen kunstbegriff: scheisse in gut ausgeleuchteten rämen.
<p>
gerade in diesen tagen, wo meine provinzheimatstadt münster von den zehnjährig wiederkehrenden /skulpturprojekten 07/ heimgesucht wird - eine biblisch wiederkehrende heuschreckenplage könnte kaum schlimmer sein -, werde ich fast täglich auf dem weg zur arbeit mit dererlei kunstlerischen landschaftsverschandelungen visuell gepeinigt.
<p>

  suchbild: finde die kunst   

im prinzip könnte es mich das alles kalt lassen, ob jemand surfbretter und ein lcd an den prinzipalmark nagelt, schweisstreibend trampelpfade in die wiese tritt oder güllefässer in den aasee auslaufen lässt, hätte das schicksal nicht in diesem jahr für mich - den ausgewiesenen skulpturbanausen - ein ganz besonderes los bereit gehalten: genau vor unserer haustür ist der schwerpunkt von münster!<br>
war dieser vor 10 jahren noch um die ecke in der von-kluck-straße, hat die künstlerin (karin sander) für diese projekttage wohl nochmal genau nachtariert. jetzt ist er in der südstraße 18. auf der anderen strassenseite liegt der mittelpunkt münsters.

<p>
das hat zweierlei folgen gehabt: ersteinmal wurden bereits am 09. juni mit einem höllenspektakel und einer heerschar von fluchenden bauarbeitern und zig lärmenden baumaschinen zwei va-stahl-pinne bei uns in den bordstein gedübelt - und zwar an eben diesem samstagmorgen um 7.00 uhr. es gibt leute, die nennen das kunst - ich nenne das skulpturterrorismus! zum glück liegt der schwerpunkt nicht in unserem schlafzimmer.<br>
was mag sich die künstelerin dabei gedacht haben, dass fünf osteuropäische hilfsarbeitskräfte, denen beim arbeiten schon hinten der mond aus der hose aufgeht (sogen. bauarbeiterdekolleté), ihr achso künstlerisch wertvolles meisterwerk so unachsam und ungespitzt zu früher morgenstund in den aspalt gerammt haben.<br>
  /... ich unterstelle da fehlenden interlektuellen zugang .../   

ich hatte mir das ganz anders vorgestellt: vor meinem geistige auge stellte ich mir dabei immer die künstlerin in enger lila leggins, einem alpakawollenen pullover mit selbst-gebatiktem seidenschal und teva-sandalen vor augen, die behutsam den schwerpunkt in einer abenddämmerigen stimmung auspendelt, um dann mit einem zarten, pastellblauen kreidekreuz den punkt zu markieren an dem symbolisch eine münsterländer tanne eingepflanzt werden soll. vorher natürlich hätte man aufwändig und vorsichtig den parkstreifen vor unserer haustür von hand renaturiert. das wäre doch angesichts der damalige rathaushofabsenkung für zwei rostige metallbänke von chillida und kosten dafür von ca. 1 mio. markfuffzich wirklich nicht zuviel zu erwarten gewesen.<br>
na ja, stattdessen stehen jetzt oft, wenn ich den müll rausbringe, ein grüppchen von skulptursuchenden mit lageplan und gelbem mietrad um die beiden stelzen, die rechte hand mit dem zeigefinger an der rechten wange und dem mittelfinger unterm kinn [vorsicht: nicht verwechseln!], nicken andächtig und stammeln. /hmhmm, ja. aha./, blicken dabei aber nochmals versichernd in den katalog, ob sie auch wirklich den sinn des hier aufgebotenen verstanden haben.<br>
ich persönlich hatte ja noch gehofft, der letzte sperrmüll würde mich unversehens von diesem altmetall befreien, aber gerade deshalb hatte man es vorsichtshalber wohl angeschraubt. verdammt. aber so ergab sich wenigstens übergangsweise ein sicherer platz, um mein mountainbike anzuschließen.<br>
  installation oder sperrmüll?   

was ist das für eine kunst bei der man müll nicht von meisterwerk unterscheiden kann?
<p>
andereseits ist meine heimatstadt nun bevölkert von skulpturtouristen aus aller herren länder. chinesen, japaner, afikaner, amerikaner, engländer, dänen und wer sich sonst noch alles auf diesem planeten rumtreibt, ist zu gast in münster. <br>
das wäre nicht weiter schlimm, würden dieser leute nicht fahrradfahren. wahrscheinlich hat ihnen unser heimatschutzministerium [touri-info] den tipp gegeben: /das machen sie in münster am besten alles mit dem rad./ ein ökologisch schlüssiger und heimeliger hinweis, allerdings wohl ungeachtet dessen, dass viele noch nie im leben vorher auf einem fahrrad gesessen haben oder sonst nur am sonntag restaurierte oldtimer fahren.
ich habe persönlich schon so einige beinaheunfälle in augenschein nehmen dürfen. von der absprungbremse bis zum blinde-kuh-spiel im kreisverkehr war eigentlich alles dabei. die leute bleiben unversehens mitten auf der strasse einfach stehen, erstarren zur quasi-skulptur, überqueren die fahrbahn ohne zu gucken und schleifen ihre räder in rudeln am sonnigen samstag über den überfüllten marktplatz am dom. immerhin hat man ihnen dafür diese signalgelben mieträder in die hand gedrückt - achtung: bewegliches hindernis!
<br>
amüsiert stellte ich mich neulich neben den just abgerissenen lindenhof an der promenade vor dem ein dänisches Ehepaar stand und vermutete, es handle sich dabei um das vermeindliche kunstwerk von annette wehrmann /wellness am aasee/ - einer umzäunten pseudo-baustelle an der in mehreren teilen der schöne rasen am see von bulldozern zu sandbergen aufgworfen ist. sie fragten mich mit dem hinweis auf den lageplan, ob es sich um den gesuchten kunstgegenstand handle. ich erwiderte nichts gegenteiliges, machte ein foto von den beiden vor /ihrem/ kunstwerk und verabschiedete mich freundlich. hey, man hilft, wo man kann.
  fake-baustelle ehem. lindenhof ...   
 
  ... und kunst-baustelle am aasee. das kann man
sich als kunstinteressierter schon mal irren.
 

kurzum: es ist gut, dass es sich bei den skulpturprojekten nur um eine sich dekadisch wiederholende ausbruch an kunst handelt, sonst hätten wir bald die gesamte stadt vollgestellt mit sperrmüll-kunst, der nichtmal alle zehn jahre abgeholt wird; die mahnmale vergangener kunstausstellungen. so eine art gedenkstätte für den schlechten geschmack, münster als wallfahrstort für die reliquie l'art moderne, die sonst keiner will. unser mekka hat drei runde steine. <br>
aber lächeln wir und sein wir froh, denn es hätte schlimmer kommen können. an dieser stelle seien nur kassel [documenta] und venedig [biennale] genannt. mein beileid.
<p>
ach was. warum so griesgrämig?!<br>
springen sie über ihren kunstunverständigen schatten! machen sie mal selber eine /tour de skulptur/, sehen und hören sie sich anstatt der ausstellungsstücke doch einfach die leute an. damit ist ihnen einen amüsanter nachmittag sicher. oder ziehen sie sich ein oranges skulptourprojekte2007-t-shirt an, stellen sie sich neben eines und geben ihre eigene, ganz freie interpretation zu diesem stück kulturtreibgut zum besten! mitmachen statt nur angucken!
in diesem sinne: hurz, meine damen und herren.

   was ist das? ein mittelalterliches massaker?!
  
   städtische kunst oder
   kampfruf aus einer parallelwelt?
 
   münsters ödester strand!

<author>
©h.h. | 04/07/2007</author>