<title>
auferstanden aus ruinen</title>
dass /the rising/
auch den heimlichen untertitel /the 09/11 album/
hat, empfinde ich persönlich nicht als hinderlich. zumindest ist
bruce springsteen der erste - und bisher auch einzig ernstzunehmende
- amerikanische sänger, der sich kritisch und künstlerisch
mit den terroranschlägen auf das wtc im letzten jahr auseinandersetzt.
<p>
ernste kritiker behaupten in diesem zusammenhang ja, nur wegen des damit
verbundenen kommerzes. das kann man so sehen. oder auch nicht. will
man das wirklich jemandem unterstellen, der zu den reichsten und anerkanntesten
menschen amerikas zählt, dass er selbst mit 52 jahren es noch nötig
hat auf kommerzielle erfolge zu setzten? hat springsteen mit /darkness
on the edge of town/ oder /nebraska/
voll auf den kommerz gesetzt? war nach /greatest
hits/ schon schluss?
<p>
innerhalb von ein paar tagen nach der tragödie schrieb springsteen
13 der 15 songs auf /the rising/. allein
/my city in ruins/, /mary´s
place/ und /further on [up the road]/
lagen schon in der schublade, wobei kein lied dieses carbonats die stimmung
und lage nach dem zusammenbruch besser und präzisier skizziert
als /my city in ruins/.<br>
die in schutt liegende stadt dieses liedes ist eigentlich /asbury
park/. zu den frühen zeiten von springsteens sagenhaftem
aufstieg spielte er hier mit den /castilles/,
später mit den e-streetern im /stone pony/.
heute hingegen ist es ein heruntergekommener, hinterhöfischer ort
in new jersey; fast so niedergeschmettert wie /ground
zero/ im herzen von new york. <br>
auf seine alten tage bemerkt der boss wieder seine wurzeln und zog von
l.a./kalifonien wieder zurück in seine heimatregion monmouth, ein
paar meilen entfernt, mit blick auf die skyline des big apple und fast
um die ecke von freehold, seiner heimatstadt.
<p>
die meisten tracks auf der neuen cd haben eine beziehung zu den ereignissen
des denkwürdigen elften septembertages 2001; beschreiben menschen
und ihre erfahrungen, ihren schmerz. sehr ernst und mit großer
sensibilität recherchierte er einige biographien der opfer, sprach
mit den angehörigen und konnte so wohl ungefähr erahnen, was
es bedeutet, einen geliebten menschen auf einzigartig gewaltsame weise
zu verlieren. ohne kitsch und ohne tränenrührige sentimentalität
verpackt er dies in der ihm eigenen art in beeindruckende songs. und
immer wieder bleibt er dabei so glaubwürdig, als habe er alles
selber erlebt. sein einfühlungsvermögen in situationen und
menschen ist wunderbar.
<p>
nach dem album /the ghost of tom joad/ wieder
einmal auch völlig gegen den mainstream. während er auf /tom
joad/ sehr düstere szenerien malte, gibt es auf /the
rising/ - trotz des leidvollen und schwierigen hauptthemas -
wirklich beschwingende momente, manchmal fast trotzig wirkend. es ist
mehr als ungewöhnlich auf ein und dem selben album /waitin'
on a sunny day/ und /you´re missing/
zu finden. es ist auch eine kunst dies so zu vereinen. springsteen beherrscht
kunst - offensichtlich.
<p>
selbstverständlich kann man alle songs im zusammenhang mit dem
11. september sehen und besonders, wenn man weiss, dass springsteen
sie größtenteils unter diesem immanenten einfluss geschrieben
hat. aber auch, wenn man dies kurzzeitig verdrängt, bleibt erfreulicherweise
ein sehr hörbares und solides album übrig, auf das es sich
gelohnt hat zu warten. dass es als ein re/born in
the usa/ oder /the river - part 2/
gesehen werden kann, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. wieder ist es
ein ganz anderes album. ein ganz neues, vielleicht etwas weniger rock
als /born to run/, etwas lauter als /tom
joad/, dafür mit noch mehr tiefgang als /darkness/.
<p>
besonders nach mehrmaligem hinhören fällt es immer schwerer
seine favorisierten stücke zu nennen. jeder song hat etwas anderes,
ist auf eine andere weise interessant. die ganze platte ist absolut
vielseitig: vom mitreißenden titelsong über das ungewöhnliche
/worlds apart/ bis zum eindringlichen titel
/paradise/ hat man letztlich die gesamte
gefühlspalette durchlebt. <br>
stärker als jedes anderen album ist dieses geprägt von der
anscheinend doch tiefen religiosität des rockstars. /into
the fire/ und /my city in ruins/ haben
gebetsähnlichen charakter.
<p>
zum allgemeinen unverständnis bescheinigt springsteen der
momentanen militär- und führungsriege der usa ein /überlegtes
vorgehen/ nach den anschlägen, bemüht sich andererseits
aber auch um einen differenzierten blick auf die dinge. wie sonst wäre
es zu erklären, dass man sich bei so einem albumthema eine arabische
begleitband [asif ali khan & band] an die seite holt, um /worlds
apart/ einzuspielen, wenn die zu überbringende nachricht
nicht lautet: /miteinander - nicht gegeneinander/?
dass das dann ein bisschen nach weltmusik klingt, aber letztlich keine
ist, kann man billigend in kauf nehmen.
<p>
ehrlicherweise macht er aus natürlich aufkeimenden vergeltungsgelüsten
keinen hehl [/i want an eye for an eye / i woke
up this morning to an empty sky/]. aber im gegensatz zu den vernagelten
säbelstrategen im weissen haus, weiss er sich damit auseinanderzusetzen
und umzugehen, sogar künstlerisch. <br>
mit besonderer spannung kann man auf die umsetzung dieser lieder in
einem live-konzert hoffen, was ein sehr schwieriges unterfangen werden
dürfte.
<p>
neu ist auch die tendenz springsteens nicht mehr alles in markigen rockersprüchen
vorzutragen. schrie er noch 1984 mit /born in the
usa/ und /war/ seinen anti-kriegsparolen
durch die stadien der welt, so ist diese platte vollgepackt mit andeutungen,
und manches bild beschreibt eine situation besser und sensibler als
es wortreiche, laute refrains könnten: /around
here, everybody acts like nothing´s changed / friday night, the
club meets at al´s barbecue / the sky´s still, the same
unbelievable blue./
<p>
das neue album von bruce springsteen ist leicht zu kritisieren.
wer eine remake von /born in the usa/ erwartet
hat, wird mit dieser platte nicht glücklich.<br>
das neue album von bruce springsteen ist schwer zu kritisieren. wer
gerne hören möchte, wie man sich auch nach jahrzehnten im
fastfood-rockbusiness noch erfolgreich und persönlich weiterentwickeln
kann, der sollte /the rising/ gehört
haben. der geneigten kenner stellen es gleich neben /the
ghost of tom joad/ und /nebraska/.
</end>
<author>
©h.p. | 05/02/2002</author>
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